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Twingo Reborn

Es ist soweit, er ist ganz offiziell wieder auf der Straße! Etwas ehrfürchtig halte ich meine alten Nummernschilder in der Hand, an einem sind noch Spuren des Überschlags mit meinem alten Twingo zu sehen. Ich erinnere mich noch genau an den unangenehmen Moment, als ich sie damals unter Tränen von meinem alten Twingo geschraubt und von Hand wieder gerade gebogen habe. Kurz darauf wurde das, was von meinem ersten Auto noch übrig geblieben war, mit lautem Schleifen auf den Abschlepper gezogen und verschwand wenige Minuten darauf für immer.

Insgeheim wünschte ich mir damals man hätte mich einfach erschossen in dem Moment oder mich zusammen mit dem Auto in die Schrottpresse gesteckt, aber das „Ein Kapitän geht zusammen mit seinem Schiff unter“-Gschwätz ist nur was für Captain Barbossa und Captain Jack Sparrow.

M-8082

Jetzt steh ich wieder vor meinem schwarzen Twingo mit meinen alten Kennzeichen. Ehrlich gesagt läuft es mir etwas kalt den Rücken runter, der Anblick hat etwas sehr gespenstisches. Die Abendsonne und meine leicht schummrige Schrauberhalle runden das schaurige Szenario ab. Ich weiß nicht ob ich mich freuen soll, denn irgendwie bekomme ich es tatsächlich ein wenig mit der Angst zu tun und weiß gar nicht warum. Bislang war eine gewisse Distanz zwischen mir und dem Wagen, doch jetzt ist es real: Es wirkt, als sei er tatsächlich auferstanden. Schön dich wieder zu sehen, alter Freund, diesmal bleibst du bitte!

Tatsächlich ist vom Twingo, den ich vor einigen Wochen von Deniz kaufte, nicht mehr so viel übrig, er hat sich ganz schön gewandelt.

Dach Nummer 3

Das defekte Glasdach habe ich durch ein Faltdach ersetzt – das ist nicht nur günstiger, leichter und weniger anfällig, sondern macht einen Großteil des Twingo-Charmes aus. Windabweiser, Spoilerlippe, Bluetooth-Radio und Aufkleber sind auch Geschichte, der Kleine wirkt sehr aufgeräumt und unscheinbar. Auch die originale klassische, meterlange Twingo Radioantenne habe ich wieder montiert – das gehört doch irgendwie dazu! Auch die Tage der Rial-Felgen sind gezählt – ich finde sie einfach fürchterlich! Der Ersatz liegt schon bereit, Reifen sind auch bestellt.

Wechselnde Umstände

Bedenke, vor 17 Jahren war der Twingo Phase III noch ein relativ junges Auto, sodass es kaum möglich war an gebrauchte Teile zu kommen. Zwar konnte ich damals auf den Schrottplätzen allerlei Phase I Teile finden, aber nichts was für mein damaliges Auto finden. Heute ist der Markt deutlich reicher an Twingo-Teilen und dank Internet auch schnell und unkompliziert zu bekommen. Die aktuell sehr niedrigen Ersatzteipreise tragen zusätzlich dazu bei, sich seinen Twingo wieder gesund zu schrauben.

Am Motor scheint sich meine Arbeit ausgezahlt zu haben: Das frische Öl, die Motorspülung und die neuen Zündkerzen haben dem Kleinen wieder Leben eingehaucht. Er wirkt deutlich sicherer im Antritt und in den mittleren bis hohen Drehzahlen kommt wieder die kleine Drehorgel zum Vorschein – jetzt ist nichts mehr „zugeschnürt“! Der Renault D7F gehört zu den unspektakulärsten und dennoch spaßigsten Motoren: Direkt und ein wenig unverzeihlich wenn er unsanft behandelt wird. Mit guter Pflege läuft dieses Motörchen ewig!

Was auf jeden Fall als nächstes ansteht ist eine ordentliche Motorwäsche. Das kleine Aggregätchen ist schon ziemlich verdreckt, wenn auch technisch in Ordnung. Einen Schönheitspreis wird der D7F wohl kaum abstauben können, das Arbeiten an einem sauberen Motor ist jedoch deutlich angenehmer.

D7F Motor spülen

Die Anwendung der Motorspülung ist ziemlich trivial, man braucht nur folgendes:

  • die Motorspülung (ich habe die von Liqui Moly genommen)
  • zwei Ölfilter (ein „guter“ und ein „egal“)
  • frisches Öl (in dem Fall elf 5W50)

Die Dichtungen für den Ölfilter und die Ölablassschraube ist in der Regel beim Ölfilter dabei.

Folgendermaßen solltest du vorgehen:

  1. Auto aufbocken und richtig warm laufen lassen. Da ich mit dem abgemeldeten Auto nicht fahren kann, habe ich ihn im Vorhof (Privatgrundstück!) meiner Schrauberhalle ausgiebig warm laufen lassen und die Zeit genutzt, um alle mitgebrachten Eratzteile zu sortieren und mir meinen Arbeitsplatz einzurichten.
  2. Wenn der Motor warm ist, tauscht du den alten Ölfilter, ohne vorher das Öl abzulassen. Konstruktionsbedingt gibt es beim Twingo I mit D7F oder D4F Motor eine kleine Sauerei, weil das überschüssige Öl über die Lenker fließt, mit einem Tuch ist das aber aubzufangen. Zur Sicherheit habe ich eine Wanne unter den Wagen gestellt.
  3. Sobald der Filter getauscht wurde, füllst du die Liqui Moly Pro-Line Motorspülung in deinen Ölkreislauf, stellst einen Timer auf 15 oder 20 Minuten und lässt den Motor im Leerlauf ohne mit dem Gas zu spielen einfach laufen. In der Zeit kannst du den nächsten Schritt vorbereiten und schonmal die Öl-Auffang-Wanne in Position bringen, den neuen, guten Ölfilter und das Werkzeug bereitlegen.
  4. Sobald die Zeit rum ist, öffnest du deinen Öldeckel, entfernst den Ölfilter und öffnest die Ölablassschraube. Lass das Auto gut austropfen! …denk daran dass der Motor nicht mehr laufen sollte, sonst gibt das nicht nur eine Sauerei, sondern auch einen Motorschaden.
  5. Bau den neuen Ölfilter und die Ölablassschraube wieder ein und fülle das neue frische Öl ein, das wars!

Seit der Spülung und dem 5W50-Öl, was sich bei älteren Motoren, die gerne auch mal stärker beansprucht werden, empfiehlt, klackert der Motor nicht mehr – ich komme also um das Einstellen der Ventile drumherum. Es ist zwar keine aufwändige Arbeit, dennoch aber langwidrig wenn man es präzise machen muss. Da der Motor keine offene bzw. programmierbare Motorsteuerung hat, erübrigt sich auch der Tausch der Nockenwelle mit einer Sportnockenwelle. Der Einbau würde zwar nicht zwangsweise zu einem Leistungsverlust führen, aber ohne Anpassung der Gemischaufbereitung wäre der Aufwand umsonst. Ohne wirkliches Benefit nehme ich auch nicht unruhigen Motorlauf in Kauf. Wie schon im letzten Teil der „Twingo-Serie“ gesagt: Der Renault D7F ist ein toller Motor, aber keine Rennmaschine.

Zündkerzen richtig lesen

Beim „Lesen“ der alten Zündkerzen ist mir aufgefallen, dass sie ziemlich angelaufen und verrust sind, aber immerhin gleichmäßig. Die Ablagerungen bestätigen meinen Eindruck von der ersten Probefahrt und der Fahrt nach Hause: Der Wagen wurde selten auf Volllast bewegt, eher sparsam und gediegen. Im Hinblick auf die mir bekannte Historie des Wagens ergibt das absolut Sinn, schließlich ist mein Freund Deniz echt kein „Heizer“ und hinterm Steuer eher der gemütliche Kandidat. Verwerflich ist das nicht, da ich den Twingo mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit anders bewegen werde, herrscht da aus meiner Sicht Handlungsbedarf. Verbaut habe ich die Bosch „Super 4“ Kerzchen, die laut meiner Recherche für diesen Zweck am besten sind. Auf teure Iridium-Kerzen habe ich aufgrund des Preises verzichtet.

Nächste Baustelle: Kühlkreislauf

Was noch auf meiner Liste steht ist das Spülen des Wasserkreislaufs und Tausch des Kühlers. Da beides nur gemeinsam Sinn ergibt, hat das noch Zeit – aktuell läuft das Auto auch sehr gut, die Temperaturen halten sich im Rahmen und hey, ich muss ja noch Stoff für weitere Twingo-Berichte haben! Akut ist hier nichts defekt, sodass es sehr viel Zeit hat.

Allgemein stehen am Twingo noch lauter Kleinigkeiten an, wird aber alles „on the fly“ erledigt. Schließlich ist der kleine Racker nun nicht mehr in meiner Schrauberhalle, sondern direkt vor meiner Haustür bzw. Garage. Auch möchte ich nicht den kompletten Wagen restaurieren und „neu“ machen -zumindest nicht jetzt. Hier muss ich mich noch zügeln, denn wenn es nach meiner Laune geht, könnte ich locker mal eben über 2000,- in den Twingo stecken, was in keiner Relation zum Auto und seinem Nutzen steht. Dazu kommt schlicht und ergreifend die Tatsache, dass das Schrauben am Twingo so viel Spaß macht, dass man dazu neigt Sachen reparieren zu wollen, obwohl es nicht nötig wäre.

Ist das dein Ernst?

Ein erwachsener Mann und Familienvater in diesem Frauenauto?
Warum parkst du den Twingo nicht in den Kofferraum vom BMW?
Fährst du damit auch in den Supermarkt rein oder leinst du ihn draußen am Geländer an?

Es scheint, als habe sich nichts geändert, die Kommentare zum Twingo sind auch 17 Jahre später die gleichen und gleich hirnlos. Der Twingo wird von den meisten Menschen nicht ernst genommen. Das kleine Spaßauto, dass dem zeitgemäßen Kevin aber nicht laut und stupide genug ist, der modernen Frau viel zu alt und zu unsicher und dem obligatorischen Möchtegern-Alpha viel zu unmännlich. Vielleicht möchte der kleine Franzose gar nicht ernst genommen werden, weil er etwas völlig anderes verkörpert: Leichtigkeit, Freiheit und Freude. C’est la vie!

One last thing: Die Frage aller Fragen

Seit ich den Renault Twingo habe und zugelassen habe, werde ich von nahezu jedem eins gefragt:

„Wenn du dich zwischen deinem BMW E39 Madeleine und dem Twingo entscheiden müsstest, welches Auto würdest du nehmen?“

Die Antwort lautet ganz eindeutig: Meinen BMW 5er, darüber nachdenken muss ich nicht. Der Twingo ist ein klasse Auto und ich liebe diese kleinen Eimerchen – bin in der Zwischenzeit aber im letzten klassischen BMW 5er Zuhause. Für mich geht nichts über einen Reihensechszylinder, das war schon als Kind mein Traum und jetzt wo ich einen besitze, werde ich ihn nicht mehr hergeben. Es gibt kein realistisches Szenario, in dem ich mir vorstellen könnte meine Madeleine nicht mehr zu fahren. Die beiden ergänzen sich super und sind so verschieden, dass ich mich jedes Mal aufs neue freue wenn ich von einem Auto ins andere umsteige.

Eigentlich wäre dieser Vergleich einen Artikel wert, was meinst du dazu?

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