Projekt BMW E39 Teil 10: Liebe geht durch den Wagen


Umso länger ich es aufschiebe etwas zu schreiben, desto länger wird die Liste der Punkte, die ich beschreiben möchte. Instandsetzung, Teilestauration, Versiegelung und natürlich das Erlebte im Youngtimer BMW E39. Mach’s dir bequem, nimm dir einen Kaffee, lehn dich zurück und lass dich mitnehmen auf eine kleine Reise in die BMW Youngtimer-Welt – in „Madeleine„, versteht sich.

Zeitgeist

In den letzten Jahren hat sich die Autowelt sehr verändert, vor allem was die allgemeine Wahrnehmung von Autos betrifft. Viele Features, die vor nicht allzu vielen Jahren noch der Oberklasse vorenthalten waren, sind in der Zwischenzeit selbst in Kleinwagen (zum Teil sogar serienmäßig!) zu haben. Der Gesetzgeber trägt aktiv dazu bei: Neuwagen müssen heute sämtliche Assistenzsystemen wie etwa Müdigkeitswarner, Rückfahrassistenten, „Black Boxen“ zur Unfalldaten-Aufzeichnung, sowie Spurhalte- und Notbremsassistenten mit an Bord haben. Durch die „Normalisierung“ dieser Systeme wird der Unterschied zu alten Autos immer größer – viele Autofahrer können sich nicht mehr vorstellen, so ein altes Auto zu fahren und empfänden es tatsächlich als Einschränkung.

Ein Teil von mir mag die ganzen technischen „Spielereien“ auch, vor allem weil das Ziel dieser Systeme das vermeiden von Verletzungen und (Personen-)Schäden ist – um nicht sogar zu sagen das Retten von Menschenleben, unabhängig davon ob diese im Auto sitzen oder von diesem angefahren werden.

Ein anderer Teil von mir jedoch liebt die Tatsache, dass ich mich in meinem BMW 5er noch selbst um alles kümmern muss und meine Ruhe habe wenn ich sie will. Natürlich ist der E39 aus einen anderen Zeit als andere Werte von einem Fahrzeug dieser Kategorie verlangt wurden: Klasse und Understatement. Sogar ein BMW E39 M5 ist im direkten Vergleich zu modernem Gerät ein gnadenloser Tiefstapler. Ein E39 wird niemals unnötig laut und selbst einem Sechszylinder hört man seine Leistung an, ohne dass er brüllen und knallen muss. Ein BMW E39 überzeugt nicht als Babo-Karre, sondern als Automobil der Chefetage – ein echter Business-Liner, wie ich gerne zu sagen pflege.

Zeitlos

Trotz aller modernen Fortschritte um ihn rum, bleibt der E39 immer noch seinen Qualitäten und Werten treu. Der einzige Wehrmutstropfen ist die langsam immer kürzer werdende Liste der überzeugten Fahrer – viele sind in der Zwischenzeit auf ein anderes, meist deutlich moderneres Auto umgestiegen. Ebenso wird ein Großteil der E39-5er gnadenlos verbastelt, zerstört und schließlich verschrottet, um sich der nächsten automobilen Verschandelung zu widmen.

Ich muss zugeben, dass ich ein paar Mal auch mit dem Gedanken gespielt habe, diese Reise zu beenden und mich wieder dem automobilen Mainstream, der grauen Masse der Vernünftigen und Modernen anzuschließen, doch es fühlt sich falsch an. Einen echten Mehrwert finde ich in einem modernen Auto nicht, bzw. gibt es nichts, was mir mein 5er nicht geben kann. Die Stimmen um mich herum werden immer lauter und kommen mit Begriffen wie „Diesel“, „Features“ und „Umweltschutz“.

Argumentieren und rechtfertigen werde ich meine Wahl nicht – Leidenschaft lässt sich nicht in „Zahlen, Daten, Fakten“ definieren. Man liebt es oder nicht.

Madeleine ist mein Auto für die Ewigkeit. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen ein modernes Auto mein Eigen zu nennen.

Zeitplan

Madeleine habe ich nahezu direkt nach dem Kauf optisch wieder auf Vordermann gebracht, indem ich beide Kotflügel ersetzt, mich um die wenigen Macken gekümmert habe und sie anschließend bei Speedaholics Detailing in Reutlingen aufbereiten und mit Keramik versiegeln lassen. Danach musste tatsächlich nichts gemacht werden am Auto! In den Seitenschwellern fahren ein paar Liter Fluid Film mit und die wichtigsten Teile sind versiegelt.

Was Korrosion betrifft muss ich lediglich den Flugrost am Heckscheibenrahmen entfernen. Hierzu habe ich mir Ovatrol gekauft, was gut wirken sollte. Erfahrungswerte habe ich noch keine. Nach dem Auftragen sollte Ovatrol mindestens 24h trocknen können – bislang wollte ich aber keine 24h auf meinen 5er verzichten, auch wenn der Twingo und der andere BMW direkt vor der Haustür stehen.

Großes Update

Nun steht das erste große Update am Auto an: Fahrwerk, Tonnenlager und ein paar Kleinigkeiten. Nachdem der Wagen vor wenigen Tagen für weitere zwei Jahre mit dem Segen des TÜV gesegnet wurde (mängelfrei!), ist es nun Zeit die kleineren Defizite, die noch zur Perfektion fehlen, zu kümmern.

Tonnenlager

Tonnenlager lasse ich dieses Mal machen – für Erfahrene wie meinen BMW-Spezialisten MM Fahrzeugtechnik in Mössingen ist das ein Spaziergang, ein „normalsterblicher“ Schrauber wie ich dagegen kommt nur beim Gedanken daran ins Schwitzen. Bei der silbernen „Big Lady“ habe ich die Tonnenlager schon einmal gewechselt, das reicht als Erfahrung. Verbaut werden dieses Mal die verstärkten Mahle HD Tonnenlager – nicht jede BMW-Teile-Religion muss ich befolgen, auch wenn alle nach Lemförder schreien. Vielleicht werde ich ja eines Besseren belehrt, mal sehn.

Fahrwerk

Ursprünglich wollte ich die müden Dämpfer durch neue, OEM-Dämpfer von Sachs ersetzen, die Serienfedern weiter nutzen und lediglich an der Vorderachse die niedriger bauende „M-Domlager“ verwenden, um rund 10mm Tieferlegung ohne Veränderung des Fahrverhaltens zu erreichen. Der 5er soll auch ein 5er bleiben: Erhaben, unaufgeregt und doch durchtrainiert und agil.

Nach ewiger Recherche fiel meine Wahl auf Koni Active System Dämpfer mit M-Domlagern von Bilstein und Serienfedern. Spätestens nach der letzten Werkstattmesse in Berlin bin ich davon überzeugt, dass diese Kombination am besten zu meinen Anforderungen passt. Jean-Pierre Krämer hat es vor einiger Zeit auf den Punkt gebracht: „Ein altes Auto darf klassisch aussehen und sich so anfühlen, es muss aber nicht zwangsweise wie ein altes Auto fahren!“ – schließlich ist die Entwicklung der Dämpfertechnik in den letzten 20 Jahren nochmal deutlich vorangeschritten. Ein klassischer E39 mit modernem Federkomfort und zeitgemäßer Stabilität klingt genau nach meiner Wunschvorstellung.

Einbau wird noch im Mai 2022 sein und ich werde berichten, versprochen!

Hört man sich um, empfehlen die meisten Low-Budget-Spezialisten ein Gewindefahrwerk. Nichts für Ungut, Gewindefahrwerke sind was tolles, auf dem richtigen Auto montiert und anständig abgestimmt, ist es eine Freude diese Autos zu fahren. Aus meiner Sicht gehört ein Gewindefahrwerk jedoch nicht in diese Fahrzeugkategorie. Auch muss erwähnt werden, dass die wenigsten selbsternannten „Tuner“ keine Ahnung haben wie so ein Fahrwerk eingestellt werden muss. „Hauptsache tief“ lautet deren Credo und an dem gemessen muss die Würde meiner Madeleine nicht unnötig gesenkt werden.

Das nervigste am E39

Tatsächlich hat meine schöne Madeleine nur eine Schwachstelle, die mich unglaublich stört: Die Innenverkleidung des Scheibenrahmens an der Heckklappe löst sich immer wieder teilweise und klappert leise vor sich hin. Im Spiegel sie man sie flattern sehen beim Fahren. Sie muss lediglich geklebt werden. Zwischen den „Klapper-Intervallen“ hatte ich das Problem bislang aber ziemlich vergessen.

Es ist Pöbeln auf allerhöchstem Niveau, was aber vom Zustand meiner alten Dame spricht. Das Auto ist aus meiner Sicht nahezu perfekt. …deshalb fällt so etwas überhaupt auf.

Zeitgeschichte

Es sind viele Kleinigkeiten, die den guten alten 5er so besonders machen. Es fängt beim Schlüssel an, der noch nach echtem Schlüssel aussieht, über das Geräusch beim Aufschließen bis hin zu ihrer Wirkung auf der Straße. Vor allem bei Dämmerlicht nehme ich mir gerne die Zeit noch einmal kurz innezuhalten und den Moment zu genießen, wie der große schwarze Wagen wirkt. So ruhig, entspannt, dazu noch die warme Innenraum-Beleuchtung, die mehr nach guter Stube wirkt statt kalt-LED Synthetikstudio.

Das Geräusch der Tür beim Öffnen und das satte Schließen. Schlüssel ins Zündschloss und durch Drehen die sechs Töpfe zum Leben erwecken. Ein E39 muss nichts beweisen – er stammt aus einer Zeit, in der es genaugenommen keine wirkliche Konkurrenz gab. Wer damals zur E-Klasse, dem A6 oder einem Jaguar griff, verfolgte eine jeweils eine andere Ideologie mit ganz anderen Werten.

Zeitbeständig

Oft werde ich gefragt, wie viel Geld ich denn jährlich investieren muss, um den alten 5er am Leben zu erhalten und ob sich das lohnt.

Anmerkung: „Lohnen“ ist relativ, da jeder ein anderes Wertempfinden hat. Für meinen Teil lohnt sich jeder Cent, der in dieses Auto gesteckt wird. Madeleine ist für mich weit mehr als „nur ein Auto“.

Verschleißteile sind preislich im Rahmen, es kommt selten vor dass ein Teil wirklich den Rahmen sprengt. Türdichtungen kosten in der Zwischenzeit mehr als 100€, was absolut gesponnen ist, normale Ersatzteile sind in den meisten Fällen sogar direkt bei BMW eher günstig. Hochwertige Produkte in Erstausrüster-Qualität sind sogar richtig preiswert.

Kann man, so wie ich, den größten Teil an Arbeit selbst erledigen und dadurch Werkstattkosten sparen, hält sich das Youngtimer-Unterfangen preislich schon ziemlich in Grenzen. Wenn ich die nötigen Investitionen der letzten Jahre grob Überschlage, lande ich im Schnitt bei knapp 1.500€ im Jahr inkl. Verschleißteile, Werkstattkosten, TÜV usw. – und dafür fährt man 5er, Sechszylinder und hat ausreichend Platz für alles, was das Herz begehrt.

Basis muss passen

Wichtig ist dabei, dass die Basis stimmt. Wie ich am eigenen Leib erfahren musste, ist eine billige Basis und „Ach das bisschen Rost lasse ich entfernen“ der falsche Weg, um so einen Wagen langfristig halten zu können. Zu meiner Geschichte mit der silbernen „Big Lady“ habe ich einige mitbekommen. Trotzdem, jeder hat ein Recht darauf seine eigenen Erfahrungen zu machen: Als ich beim örtlichen BMW Club einem Mitglied riet, er solle nach einer solideren Basis schauen bevor er das Investieren anfängt, wurde ich verteufelt und beleidigt.

Zeitaufnahme

Mein BMW 5er der Baureihe E39 ist für mich nach wie vor das Nonplusultra an Auto in dieser Kategorie. Jedes Mal wenn ich auf den Wagen zulaufe, freue ich mich ihn aufzuschließen und loszufahren, muss jedes Mal nur beim Anblick grinsen. Die Tatsache, dass der kleine Junge, der sich freut unter meiner ergrauenden Fassade immer noch existiert, ist Argument genug mich nie wieder von diesem Fahrzeug zu trennen. Liebe geht eben doch durch den Wagen.

Dazu kommen die schönen Erlebnisse, die mir und meiner Familie dieses Auto bislang beschert hat und die Vorfreude auf das, was kommt. Es ist mal wieder nicht nur das Auto als solches was glücklich macht, sondern was man damit erlebt und mit wem man diese Erlebnisse teilen kann.

Im nächsten Teil des E39-Projekts wird es wieder technischer. Fahrwerk, Tour und endlich mal ein offizielles Fotoshooting mit Madeleine!


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