Kein anderer Hersteller wird mit Fahrdynamik so in Verbindung gebracht wie BMW. Doch was zeichnet einen BMW aus und warum gibt es immer mehr Tugenden, die von den „alten BMW“ besser beherrscht werden als von den neuen Modellen? Was hat die bayrische Traditionsmarke verloren?

unsplash-logoBildquelle Titelbild: Pablo Martinez

Zeitgeist frisst Emotion?

Die Baureihen des BMW 3ers im BMW Museum München
unsplash-logoBildquelle: Alex Suprun

Machen wir uns nichts vor, das neuere Auto ist in der Regel immer auch das bessere Auto – aus einem bestimmten Betrachtungswinkel. Wer sich abseits von technischen Daten, Emissionswerten und Wertentwicklungen mit Automobilen beschäftigt merkt schnell, dass deutlich mehr in einem Fahrzeug steckt. Das Marketing der Hersteller und die Presse tragen ihren Teil dazu bei. In nahezu jedem Autovergleich der letzten 40 Jahre wird BMW unterstellt, der sportliche im Bunde zu sein. Man erwartet von einem BMW mehr Performance, mehr Emotion, mehr Freude am Fahren.

Hersteller sind dazu gezwungen, sich dem aktuellen Zeitgeist zu fügen. Während sie in den 90er-Jahren noch aus dem Vollen schöpfen konnten und großartige Motoren und Fahrzeuge bauen konnten, wurden ab der Jahrtausendwende immer mehr Fahrzeuge mit dem berühmt-berüchtigten Rotstift in der Hand entwickelt. Autos müssen immer effizienter, innovativer, schneller und vor allen Dingen günstiger in der Herstellung werden. Dass es dabei zunehmend schwieriger wird den Faktor Emotion unterzukriegen liegt fast schon auf der Hand.

Das sensationelle BMW-Rezept

unsplash-logoBildquelle: JanFillem

Im Falle von BMW waren es nicht nur die großartigen Sechszylinder, die Großartiges leisteten – auch wenn deren grandiose Laufkultur einen großen Teil dazu beisteuerte. Das Gesamtkonzept war ausgeglichen: Schlank und muskulös wie ein Athlet, kein Gramm zu viel oder zu wenig am schönen Körper und eine ausgesprochen gelungene Balance zwischen Alltag und Performance. Daneben wirken amerikanische Ungetüme mit Ummengen an PS wie verquollene Bodybuilder, die sich vor lauter Muskeln nicht mehr bewegen können.

316i? Ja, sogar der…

Man kann es sich kaum vorstellen, aber ebendieses Rezept macht sogar aus dem schnöde wirkenden, einfachen 316i VFL der Baureihe E46 ein tolles Fahrzeug voller Emotion und Fahrfreude. Der Motor mit der internen Bezeichnung M43B19 klingt satt, läuft angenehm ruhig und das Fahren ist eine wahre Freude: Der Wagen fährt sich BMW-typisch souverän und beschleunigt trotz seiner 105PS ausreichend, um Spaß zu haben.

Einlenkverhalten und Soundkulisse bestätigen: Das ist ein echter BMW.

Nur eins kann der 316i überhaupt nicht: Am Stammtisch mit seinen Leistungsdaten glänzen.

Ich muss zugeben, der Unterschied zum großen Bruder E39 ist marginal, man hat richtig Spaß mit dem Auto! Rein subjektiv klingt im Vergleich ein E90 320i eher nach Ford Focus statt BMW. Zum Beeindrucken am Stammtisch reicht’s leider nicht: Die Leistungsdaten an und für sich klingen einfach lasch.

Das Ende einer Ära

unsplash-logoBildquelle: Hayes Potter

Und doch war der E46, sogar als 316i, der letzte klassische 3er. Das sensationelle BMW-Rezept für überragende Fahrzeuge endete mit der klassischen Ära der Baureihen 3er E46, 5er E39 und 7er E38. Der Nachfolger der E46-Baureihe des BMW 3er, der E90 ist ein gelungenes Auto, aber auch ein Opfer miserabler Presse: Unsere Kollegen der großen Berichterstatter außerhalb Stuttgarts waren sich Mitte der 2000er-Jahre einig:

„Die Autos von heute sind viel zu lasch gefedert! Das ist unsicher!“

Der gemeine, Journalisten-Meinungen stets Recht gebende Bürger nickte überzeugt und die Autohersteller reagierten. Plötzlich federte ein neuer, originaler 3er BMW mit Serien-Fahrwerk und -Bereifung härter als von jugendlichen misshandelte Vorgängermodell mit Gewindefahrwerk auf Anschlag tiefergelegt. Gleichzeitig fuhren die Rentner der Republik mit brettharten A-Klassen durch die Welt und erkundigten sich in Foren, wie man ein Auto denn weicher und komfortabler umbauen kann. Ironie.

BMW auf Abwegen

unsplash-logoBildquelle: Mateo Vrbnjak

Was bis dato aber alle BMW gemeinsam hatten, war die grandiose, unaufgeregte Leistungs-Entfaltung. Ein BMW bewahrte stets seine Ruhe, auch wenn es ein E46 M3 in der grünen Hölle war. Lautes Auspuff-Gebrüll war anderen vorbehalten, ein BMW hatte es nie nötig über „Pop & Bangs“ auf sich aufmerksam zu machen. Einen E39 M5 sah man erst auf dem zweiten Blick seine immense Potenz an. Auch konnte man ihn seinerzeit nur als Handschalter ordern – es handelt sich schließlich um einen fahraktiven Sportwagen und nicht um eine Seniorenkutsche.

Einen BMW M hört man heute bevor man ihn sieht – auch die sogenannten M Performance Modelle ziehen diesem Trend nach. Doch damit nicht genug, ein kleines Detail lässt dem Autoliebhaber die Haare zu Berge stehen: Der Sound-Generator. Das Knallen und Brüllen aus dem Auspuff wird nicht etwa durch ein Anti-Lag-System verursacht, sondern durch eine Art Lautsprecher in der Auspuffanlage. Richtig gelesen, der „satte Motorenklang“ ist nichts anderes als abgespeicherte, digitalisierte Samples.

Hat ein BMW das wirklich nötig? Wo ist das Understatement geblieben? Die Tatsache, dass sogar ein Weltunternehmen wie BMW bei einer solchen Entwicklung mitzieht, sagt viel über unsere heutige Gesellschaft aus: Man muss laut und bunt sein um aufzufallen und dadurch auch vermeintlich erfolgreich zu sein. Ich frage mich wohin uns dieser Zirkus noch hinführen wird eines Tages. Spätestens wenn alle Autos auf der Straße bollern und knallen, wenn alle Innenräume bunt in allen erdenklichen Farben erstrahlen und keiner mehr weiß, was man mit drei Pedalen im Auto anstellen soll, wird es Zeit für Veränderung.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

unsplash-logoBildquelle: Wes Hicks

Ein Quäntchen Hoffnung bleibt. Die Hoffnung, dass sich BMW eines Tages wieder zurück orientiert, kleine, schlanke und leichte Autos baut und das von Enthusiasten vergötterte Schaltgetriebe nicht ganz vergisst. Die Hoffnung, dass sich die Gesetze eines Tages doch wieder zugunsten der Fahrkultur ändern und zu guter Letzt auch die Hoffnung, dass wir noch viele Jahre die Freude an unseren alten Blechschätzen genießen dürfen.

Nicht alles ist verloren

Die neuen BMW sind sagenhafte Autos, die im Vergleich mit den „klassischen Modellen“ mit ganz anderen Werten überzeugen. Ein BMW ist nach wie vor eine Fahrmaschine, die Spaß macht, die „Freude am Fahren“ haben die Bayern Gott sei Dank nicht ganz verloren. Die klassische Unaufdringlichkeit und Leichtigkeit sucht man jedoch vergebens.

Man muss jedoch differenzieren: Diese Entwicklung ist in der heutigen Zeit unumgänglich, Autos sind ganz anderen Bedingungen ausgesetzt wie vor 20 oder 30 Jahren. Obwohl technische Finessen wie Infotainment-Systeme und bunte Ambiente-Beleuchtung nicht jedermanns Geschmack trifft, ist es schön zu wissen dass moderne Automobile um Welten sicherer sind als die Alten. Etwas Gutes ist am Fortschritt doch dran!

BMW hat aber nicht vergessen, wo der Ursprung der „Freude am Fahren“ ist: Die BMW Group Classic zeigt, dass man sich im Hause BMW seiner Tradition bewusst ist und sie entsprechend ehrt – ein Stückchen Seelenheil für den Automobil-Enthusiasten.

# # # # # # # # # # # # # # # # # # # # #

18. April 2019

Schreibe einen Kommentar

*

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung