BMW R NineT ’16 – Ein Fahrbericht

Felix Weise mit der BMW R nineT 2016 Autodrom Magazin
Was taugt die BMW R nineT in der Praxis? Kann sie uns überzeugen?

Die BMW R nineT – so die offizielle Bezeichnung von BMW – ist eine komplette Neuentwicklung aus München, welche am 16. Oktober 2013 im BMW Museum in München anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Motorradsparte vorgestellt wurde. „Oh Gott“ dachte ich zuerst, als ich die ersten Designentwürfe im Internet sah. „Was haben die denn vor? Mal sehen, was von dem Design am Ende noch übrig bleibt.“ Als die R nineT dann offiziell vorgestellt wurde, war ich positiv überrascht: Ein Bike, welches den Entwürfen der Designer extrem nah kam und auf den Bildern einfach nur gut aussah. Doch bestätigt sich dieser Eindruck auch im Praxistest? Wir haben die BMW R nineT auf die Probe gestellt!

BMW R nineT – Ein Fahrbericht

„Entwickelt, um die Leidenschaft am Motorradfahren wieder neu zu erleben.“

Dass BMW mit dieser Maschine sich eine weitere goldene Nase verdienen würde, las man in allen Magazinen. Konnte ich nur gut verstehen, da ich selbst von der Marke aus Bayern restlos überzeugt bin. Sowohl das Auto, als auch das Motorrad in meiner Garage tragen den weiß-blauen Rotor auf der Motorhaube, beziehungsweise auf dem Tank. Da ich auf zwei Rädern jedoch mit einer BMW F800GS unterwegs bin und der Anschaffungspreis von mindestens 14.500€ für mich definitiv außerhalb meiner finanziellen Reichweite ist, blieb die BMW R NineT zwar weiterhin im Fokus, war für mich allerdings nicht wirklich interessant.

Dem BMW-Händler sei Dank

Probesitzen auf der BMW R nineT
Probesitzen: Da schlägt das Herz unseres Chefredakteurs Moschos Moschokarfis höher.

Ich bin zum diesjährigen Pflichtbesuch bei meinem BMW Händler, um meinen 1er zum Service zu bringen – der Plan war ursprünglich, das Auto abzugeben und mich mal wieder etwas sportlich zu betätigen und mit den Inlinern nach Hause zu fahren. Beim Abgeben meines Autos dann die Überraschung: „Felix, wir haben da was nettes für dich, bis dein Auto fertig ist!“ – Eine BMW R nineT stand auf der Straße! Mein Bikerherz schlug höher! „Wie? Echt jetzt?“„Klar. Viel Spaß damit.“ Und: „Pass bitte auf, die ist nagelneu, sie hat gerade mal 60 Kilometer auf dem Tacho – also erst ab der Kreuzung Vollgas geben!“.

„Mit einem bösen, tiefen Wummern erwacht der Zweizylinder zum Leben…“

Der Mietvertrag ist schnell unterschrieben und ich sitze im Sattel, drehe den Schlüssel um und starte den luft-/ölgekühlten Boxermotor. Mit einem bösen, tiefen Wummern erwacht der Zweizylinder zum Leben und rüttelt heftig an meinen Armen. Vom Klang her unverkennbar ein BMW-Boxermotor. Doch was die zwei kurzen kegelförmigen Endtöpfe aus dem normalerweise sehr sonorem Brummen des Boxermotors machen, wie man ihn von der 1200er GS her kennt, ist ganz anders: Kehlig, rau und irgendwie böse blubbert die Abgasanlage vor sich hin. Ein kurzer Ruck am Gasgriff verwandelt das Blubbern in ein Brüllen.

Zwei Töpfe pures Adrenalin!

Dämpfer BMW R nineT
Senkrecht verbauter Dämpfer an der BMW R nineT.

Nichts wie los! Kupplung ziehen, ersten Gang rein und ab geht’s! Zum Glück ist die erste Kreuzung gleich da. Die Bremsen packen ordentlich zu – füllen diese doch vorne beidseitig beinahe die 17 Zoll Speichenfelge aus. Blinker rechts, und schnell raus aus der Stadt und ab auf die schwäbische Alb! Der Motor ist kaum auf Betriebstemperatur, als auch schon die ersten Kehren der St. Johanner Steige in Sicht sind. Runterschalten ist nicht notwendig. die 119 Nm Drehmoment zerren wie wild am Hinterrad, die Verzögerung durch den Kardan ist dabei kaum spürbar. Im vierten Gang voll beschleunigen: Der Motor dreht kurz untertourig, ein kehliges Brummen ertönt, wie ein missmutiger Zuruf „runterschalten!“. Egal. Das muss auch so gehen. Gashahn voll aufreißen, die elektronisch gesteuerte Klappe im Auspuff öffnet sich und lässt der wunderschönen Musik des Boxers freien Lauf. Die R nineT sprintet los!

Wie auf Messers Schneide

Die erste Kehre kommt in Sicht, schnell in den zweiten Gang runterschalten, das Anbremsen übernimmt das Bremsmoment des Motors. Blick an den Kurvenausgang, das Bike folgt beinahe selbstständig meiner Blickführung und kippt definiert und messerscharf in die Kurve. Am Scheitelpunkt gebe ich wieder Gas.

„Vollgas traue ich mir auf den ersten Metern definitiv noch nicht zu.“

…das ist aber auch nicht notwendig: Der Drehzahlmesser schnellt nach rechts, der Kurvenausgang und die rechte Fahrbahnseite kommen schnell näher, kurz ein sanfter Druck am Lenker und das Bike schießt perfekt aus der Kurve. Dritter Gang, vierter Gang. Nächste Kehre. Wieder vom Gas und die Freude fängt von vorne an. Die wenigen Autos, welche vor mir mit der Geschwindigkeit von Eselskarren auftauchen, sind mit einem kurzen Dreh der rechten Hand überholt, die Steige ist zu Ende und bin auf der Schwäbischen Alb.

Bequemer als erwartet

Zeit, um mal kurz vom Gas zu gehen und um mich zu besinnen. Das Adrenalin rauscht in meinen Ohren. Oder ist das doch nur der Fahrtwind? Auf der unverkleideten Maschine pfeift mir der Wind herrlich durch das offene Visier direkt ins Gesicht. Ich fange an, Vergleiche zu meiner GS zu ziehen. Ich sitze mit krummen Rücken und leicht abgewinkelten Armen auf der einteiligen Ledersitzbank. Die Beine sind angewinkelt – und das bei meinen nicht gerade überragenden 1,77m. Die Knie leicht nach außen gedreht, ragen gefühlt bis zum Lenker. Alles eher sehr klein und knapp. Anders als ich es gewohnt bin. Und irgendwie doch bequem und vor allem fühlt es sich sehr angenehm an!

Rennmaschine und Cruiser in einem

Kombiinstrument der BMW R nineT
Klar und übersichtlich: Das Cockpit der BMW R nineT (Bildquelle: BMW Group, 2016)

Entspannt cruise ich die langgezogenen Kurven zwischen Feldern und Wiesen entlang und lasse meinen Blick über das schweifen, was ich vor mir sehe – was nicht sonderlich viel ist: Einen Lenker mit den von der GS gewohnten Amaturen, die von BMW wahrscheinlich Modell-übergreifend eingesetzt werden – auch die Spiegel kommen mir bekannt vor.

„Das Cockpit ist spartanisch und übersichtlich gestaltet.“

Links der Tacho, rechts der Drehzahlmesser, oben die obligatorische Anzeige für diverse Warnlämpchen und in der Mitte ein kleines Display, welches die Uhrzeit, eine Ganganzeige, den Kilometerstand und eine Infozeile beinhaltet. Die Infozeile lässt sich bequem über einen Knopf am Lenker bedienen. Aber außer dem Momentan-Verbrauch, dem Verbrauch pro 100 Kilometern und die Durchschnittsgeschwindigkeit ist hier nicht viel zu entdecken. Wozu auch? BMW wirbt doch mit „ursprünglich“ und „pur“. Mehr möchte ich sowieso nicht wissen. Auf dem nächsten Parkplatz halte ich an, um mir die schicke Lady in Ruhe aus der Nähe anzuschauen.

Neues Modell: Originalteile

schöne Linienführung
Wie aus einem Guss: Die Linienführung der BMW R nineT

„Der massige Boxer fällt direkt auf.“

Darum dreht sich ja auch alles an dieser Maschine. Das Herzstück des Bikes ist von einem geschweißten Rohrrahmen eingefasst. Als nächstes fällt der große zweifarbig lackierte Aluminiumtank auf. Die klassische Linienführung mit den Aussparungen für die Knie des Fahrers erinnern an Designs vergangener Tage. Scheinbar nahtlos schließt sich nach hinten die spartanisch, jedoch überraschend bequeme Sitzbank an. Dann ist aber auch schon Schluss. Ein Heck ist praktisch nicht vorhanden. Der Rahmen endet hinten in zwei dünnen Rohren. Das Hinterrad mit den mittig positionierten Speichen wird auf der linken Seite fast vollständig von der Doppelauspuffanlage im edlen Edelstahldesign verdeckt. Das könnte schöner gelöst sein, aber zum Glück gibt es ja im Zubehörkatalog andere Auspuffanlagen. Der überdimensioniert wirkende Kennzeichenhalter mit den riesigen Blinkern – da hätte man auch gleich die kleinen LED-Blinker verbauen können – stört das sonst perfekt anmutende Heck leider sehr. Vermutlich existiert eine Gesetzesgrundlage, welche die Ingenieure von BMW zu diesem hässlichen Kunststoffteil genötigt hat – hoffe ich zumindest. Vor dem Hinterrad steht beinahe senkrecht das mächtige Zentralfederbein, welches oben von zwei schön gestalteten Gussflanschen eingefasst ist.

Schön anzusehen: Die Detailverliebtheit der Entwickler

Scheinwerfer der BMW R nineT
Liebe zum Detail: Das BMW-Logo im Scheinwerfer der BMW R nineT

An der Front der Maschine dominiert die goldene Upside-Down Telegabel sehr harmonisch mit dem großen Scheinwerfergehäuse. Die Kappe des Leuchtmittels ist mit einem kleinen BMW-Logo versehen. Liebe zum Detail, wie auch sonst an vielen Ecken des Motorrads.

„Genug gegafft. Ich will weiter!“

Der Boxer vibriert beim Anlassen im warmen Zustand nicht mehr ganz so arg. Trotzdem habe ich sofort wieder ein fettes Grinsen im Gesicht. Erster Gang rein und los. Das klauengeschaltete Sechsganggetriebe ist unglaublich knackig abgestimmt, die Schaltwege sind extrem kurz, die Kupplung arbeitet hart und direkt. Beim Einkuppeln geht jedes mal ein Ruck durchs Motorrad. Herrlich! Oder liegt das an meiner Ungeduld? Reiße ich den Hahn zu schnell auf? Die Straße fliegt mir förmlich entgegen. Für die schöne Landschaft der Schwäbischen Alb habe ich heute absolut keinen Blick übrig. So langsam habe ich mich an die Kraft und die Agilität der R nineT gewöhnt. Ohne jegliches Gefühl für Zeit und die Kilometer genieße ich die Fahrt in vollen Zügen. In den wenigen Ortschaften, durch die ich komme, hallt der Sound von den Häusern zurück. Leise fahren kann und will ich nicht!

Musik muss laut sein!

…und die R nineT macht richtig Musik! Plötzlich leuchtet die Reservelampe auf. Für mich das Zeichen, mich langsam wieder auf den Heimweg zu machen. Der Bordcomputer zeigt einen durchschnittlichen Verbrauch von 8,1 Liter auf 100 Kilometer an. Ganz schön durstig die Kleine. Aber das liegt wohl auch an meinem Fahrstil. Zuhause angekommen sind die beiden verchromten Krümmer schon schön blau angelaufen. Das gefällt. Natürlich muss ich jetzt die BMW R nineT einmal im direkten Vergleich zu meiner F800GS betrachten. Die Motorräder könnten in ihrem Design, dem Erscheinungsbild und ihrem gedachten Einsatzzweck kaum unterschiedlicher sein. Die eine gross, für Offroad und Langstrecke ausgelegt, die andere klein, kompakt und sportlich. Dennoch ergeben die beiden ein stimmiges Bild. Und Platz hat es in der Garage noch. Bevor ich beide Maschinen in die Garage schiebe, lasse ich meinen Blick noch einmal über die R nineT schweifen: Ein super Motorrad.

Angelaufener Krümmer der BMW R nineT
Gefällt: die ersten Spuren einer rasanten Fahrt.

Kompromisslos und vollendet in jedem Detail

Mir schmerzt zwar der Rücken vom harten und direkten Fahrwerk. Die Sitzposition ist doch eher unbequem und nicht auf lange Strecken ausgelegt, aber diese Defizite nehme ich gerne in Kauf.

„Ich bin verliebt!“

BMW beschreibt die R nineT mit Begriffen wie „puristische Einfachheit“ und „Emotion„. Diese Werbeslogans sind definitiv nachvollziehbar. Die R nineT ist der Inbegriff von puristischer Einfachheit. Und genau diese Eigenschaften machen die R nineT für ich zu einem wunderschönen Motorrad. Mein erster Eindruck hat sich zum Glück nicht bestätigt. Der erste Gedanke – „Oh Gott“ – bleibt weiterhin, wenn ich an diese Maschine denke. Allerdings mit einem gänzlich unterschiedlichen Hintergrund.

Bilder: Michael Gdynia, Felix Weise

Über Felix Weise 4 Artikel
Schon früh interessierten Felix Weise die technischen Hintergründe von Fahrzeugen aller Art – seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Motorradfahren. Neben dem Reisen auf zwei Rädern mit seiner geliebten BMW F800 GS, beschäftigt er sich gerne mit Zweirad-Technik aller Art. Felix Weise leitet die Motorrad-Rubrik des Autodrom-Magazins und verfasst regelmäßig Fahr- und Reise-Berichte, sowie Ratgeber aller Art.

3 Kommentare

  1. Der Sommer ist leider schon vorbei und bis das angestaubte Bike wieder auf die Piste kann dauert es noch. Hätte ich den Artikel früher gelesen, wäre ich wahrscheinlich einer der ersten Käufer gewesen!
    Trotzdem geil geschrieben, kann richtig nachvollziehen was das für ein Feuerstuhl ist!

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